# Das EU-Mercosur-Abkommen – Gamechanger für die Lieferkettendiversifizierung in Lateinamerika

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- Veröffentlicht: 2023-05-25T09:18:02+02:00
- Autor: Thomas Stuppy

DIHK, Mitteilung vom 25.05.2023

Die Mercosur-Länder Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay beraten seit den
90er-Jahren mit der EU über ein umfassendes Handelsabkommen. Zwar sind die Verhandlungen
seit 2019 abgeschlossen, jedoch steht die Ratifizierung des Abkommens weiter aus.
Dabei könnte es wichtige Wachstumsimpulse für die international eng vernetzte deutsche
Wirtschaft bieten und die Diversifizierung von Lieferketten vorantreiben – gerade
auch mit Blick auf die Rohstoff- und Energieversorgung. Immerhin hängt ein Viertel
der deutschen Arbeitsplätze am Export, in der Industrie sogar mehr als jeder zweite.
Welche Perspektiven ergeben sich für die deutschen Unternehmen?

## Wirtschaftschancen durch Marktöffnung

Weltweit nehmen Handelshemmnisse zu und erschweren das Außenwirtschaftsgeschäft.
Eine ambitionierte EU-Handelspolitik ist daher die Grundvoraussetzung für den globalen
Erfolg der deutschen Wirtschaft.

Das ehrgeizige EU-Mercosur-Abkommen setzt hierfür wichtige Akzente: Im Laufe der
nächsten Jahre sollen fast alle Zölle mit dem bisher wirtschaftlich protektionistisch
aufgestellten lateinamerikanischen Wirtschaftsraum fallen. Außerdem sieht das Abkommen
vor, den Marktzugang im Dienstleistungshandel auszuweiten, öffentliche Beschaffungsmärkte
zu öffnen, regulatorische Kooperation zu vereinfachen und 350 traditionelle europäische
Spezialitäten wie bayerisches Bier oder schwäbische Spätzle auch im Mercosur zu 
schützen.

Das Handelsabkommen hat zudem ein gezieltes Mittelstandskapitel, damit die Vorteile
auch kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) erreichen. Über 8.500 deutsche
Betriebe exportieren in die Mercosur-Länder, 74 Prozent von ihnen sind KMU. Bisher
unterliegen 85 Prozent der europäischen Ausfuhren in diesem über 260 Millionen Konsumenten
umfassenden Markt einem Zoll. Das verursacht in deutschen und europäischen Betrieben
Kosten in Höhe von vier Milliarden Euro pro Jahr.

Entsprechend sehen viele Unternehmen in einem Handelsabkommen Chancen für sich. 
Laut der [DIHK-Going-International-Umfrage 2023](https://www.dihk.de/de/themen-und-positionen/internationales/going-2023-92222)
gibt jedes fünfte auslandsaktive deutsche Unternehmen an, Lateinamerika als zunehmend
wichtigen Markt zu betrachten – das ist auch eine Reaktion der Betriebe auf die 
aktuellen wettbewerblichen und geopolitischen Spannungen.

## Diversifizierung in Zeiten geopolitischer Risiken

Die deutsche Wirtschaft benötigt eine Zeitenwende in den Wirtschafts- und Handelsbeziehungen
mit wichtigen geopolitischen Partnern wie dem Mercosur. Je länger die Ratifizierung
des Mercosur-Abkommens auf sich warten lässt, desto mehr Marktchancen entgehen der
deutschen Wirtschaft.

Eine rasche Ratifizierung würde europäischen Unternehmen jetzt noch einen wichtigen
zeitlichen Vorsprung verschaffen, da das Abkommen das erste zwischen den Mercosur-
Staaten und einem bedeutenden Partner wäre. Auch andere große Wettbewerbsnationen
sind aber in der Region zunehmend aktiv. China hat inzwischen die frühere Position
Europas als wichtigster Handelspartner mit den Ländern der Region übernommen.

Daher sollten sich die EU und die Bundesregierung für eine zügige Umsetzung des 
Abkommens einsetzen. Der EU-Lateinamerika-Gipfel Mitte Juli in Brüssel bietet der
EU und dem Mercosur eine gute Gelegenheit, sich auf ein passgenaues Zusatzinstrument
zur Nachhaltigkeit zu einigen und so den Weg für die Ratifizierung freizumachen.

Europa kann bereits auf intensiven Handelsbeziehungen aufbauen: Allein nach Brasilien
exportierten deutsche Unternehmen 2021 Waren und Dienstleistungen im Wert von über
13 Milliarden Euro, der deutsche Investitionsbestand dort lag zuletzt bei mehr als
22 Milliarden Euro. Die deutschen Exporte unterstützen laut EU-Angaben in Deutschland
fast 250.000 Arbeitsplätze. Die brasilianische Metropole São Paulo ist gleichzeitig
einer der größten Standorte der deutschen Industrie weltweit. Das zeigt das große
Potenzial, das bei einer Ratifizierung des Abkommens gehoben werden kann. Marktchancen
für deutsche Unternehmen liegen vor allem in den Bereichen Maschinenbau, Automobil
und Ernährung, in denen die Mercosur-Länder bisher mitunter sehr hohe Zölle erheben.

## Nachhaltiger Handel mit Lateinamerika

Durch moderne Nachhaltigkeitsregelungen kann das Abkommen auch die Bemühungen der
Mercosur-Staaten im Klimaschutz unterstützen. Alle Beteiligten haben sich auf klare
Nachhaltigkeitsstandards verständigt und sich somit dazu verpflichtet, das Pariser
Klimaschutzabkommen effektiv umzusetzen.

Für die deutschen Unternehmen bedeutsam: Je stärker die Wirtschaftsbeziehungen zwischen
Deutschland und Lateinamerika sind, desto größer sind auch die Chancen, in Umwelt-
und Klimafragen gemeinsam voranzukommen. Die deutsche Wirtschaft fördert das Ziel
eines nachhaltigen Handels zwischen der EU und dem Mercosur. Ein Abkommen kann Unternehmen
ermutigen und Investitionen für den Aus- und Aufbau nachhaltiger Lieferketten auslösen.

Hiesige Betriebe sind – auch mit Unterstützung der deutschen Auslandshandelskammern(
[AHKs](http://www.ahk.de/)) bereits seit über 100 Jahren in den Mercosur-Ländern
vertreten. Sie sichern Zehntausende Arbeitsplätze und tragen etwa durch die duale
Ausbildung nach deutschem Vorbild vor Ort zur nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung
der Region bei. Das EU-Mercosur-Abkommen bietet nun neue Chancen, dieses Engagement
gemeinsam weiter zu stärken.

## Umsetzung für Unternehmen entscheidend

Entscheidend für den Erfolg von Handelsabkommen ist ihre Umsetzung. Die EU sollte
sich hier generell für Vereinfachungen stark machen, insbesondere durch klare und
harmonisierte Regeln für den Warenursprung, ein umfassendes EU-Online-Tool zu Ursprungsregeln
und standardisierte Ursprungsnachweise über alle Abkommen hinweg. Die Digitalisierung
der Zollprozesse sollte beschleunigt und der EU-Zolltarif vereinfacht werden. Das
würde vor allem auch KMU entlasten und den Handel erleichtern.

_Quelle: DIHK_
